Wie kann es sein dass ich (Generation Baby Boomer) im Jahre des Herrn 1983 ohne Google und You Tube ein Abitur bekommen habe?

Ganz ernsthaft, es ist mir ein Rätsel. 

Denn heutzutage ist das unmöglich. Auch WhatsApp gehört zum unvermeidlichen Handwerkszeug eines jeden jungen Menschen auf dem Gymnasium.

Warum? 

Ja, das ist eine gute Frage, oder?

Ich erinnere mich, dass wir die gleichen Fächer hatten, wie sie heute gelehrt werden. Auch die Inhalte, die wir gelernt haben, waren praktisch die Gleichen.

Im Deutsch Leistungskurs gab es Faust, in Biologie gab es die Vererbungslehre. An die Mathematik sind meine Erinnerungen nicht ganz so lebendig, war halt nicht so mein Schwerpunkt (ähem…)

Wir hatten Schulbücher. In denen stand alles Wichtige drin. Und dann gab esReclamheftchen für die Literatur. Und natürlich kamen unsere Lehrer auch schon mal mit Zetteln an. Da standen Aufgaben drauf. Die waren irgendwie vervielfältigt. Es gab keine Kopierer zu der Zeit. Geschrieben wurde von Hand oder mit der Schreibmaschine. 

ES  GAB  DAMALS  SCHLICHT  NOCH  KEINE  COMPUTER!!!

Was wir gelernt haben, bekamen wir von unseren Lehrern vermittelt. Und wenn wir etwas nicht verstanden hatten, war ganz klar, wie wir vorgingen. Wir fragten 

1. beste Freundin 

2. Eltern 

3. Oma, Opa, Onkel, Tante 

4. Lexikon

Das alles ist heute anders.

Es gibt immer noch Schulbücher. In den meisten Fächern jedenfalls. Die werden mal benutzt und mal nicht. Systematik? Das Belieben der jeweiligen Lehrkraft.

Es gibt auf jeden Fall unendlich viele Zettel. Ist ja so einfach, alles zu kopieren heutzutage.

Aber weil man Zettel so schlecht in Schulhefte reinbekommt, wird mit Schnellheftern gearbeitet. Die zu führen ist eine Wissenschaft für sich und wird in der Sek 1 intensiv geübt. Das wäre auch möglicherweise ganz gut, wenn, ja wenn nicht die Zettel der Lehrkräfte meist ein vollkommen undurchschaubares Chaos wären. Da wird mal hoch, mal quer, mal einseitig, mal beidseitig, mal groß, mal klein, mal hell, mal dunkel kopiert. Reihenfolgen von Texten oder Grafiken auf den Zetteln erschließen sich in der Regel nicht. Eine durchgängige Nummerierung? Fehlanzeige in den meisten Fällen. Zwischen die Zettelwirtschaft werden dann Mitschriften, Notizen, Hausaufgaben geheftet. Geschrieben auf Collegeblockblättern.

Wenn die Schulbücher benutzt werden, dann meist nur sporadisch und vollkommen sprunghaft.

Oft werden heutzutage auch andere Medien im Unterricht benutzt. Gerne kleine Filmchen. Die kommen natürlich aus dem Internet. Dort gibt es Lehrerplattformen, die für Schüler unzugänglich sind. Dummerweise gilt das dann auch für die kleinen Filmchen. Das bedeutet dann, dass die Wiederholung von Unterrichtsstoff unmöglich ist. 

Kleine Geschichte (1):

Elternsprechtag. Biologie. Die Lehrkraft erklärt mir und meiner Tochter, dass die Note zu wünschen übrig lasse. Dabei sei das doch alles so einfach. Man müsse doch nur den Unterrichtsstoff nacharbeiten. (Tochter war mehrere Wochen lang krank)

Tochter: Ich finde aber oft keine Erklärungen oder Wortdefinitionen. (Thema Biochemie, man braucht Wortdefinitionen, ehrlich!)

Lehrkraft: (guckt mich freundlich gewinnend an) Du hast doch ein Buch. 

Tochter: Da finde ich vieles nicht drin.

Lehrkraft: Doch, doch, da steht alles drin.

Ich: Das habe ich überprüft. Ich habe etwa die Hälfte der Begriffe, die auf einem Arbeitsblatt vorkommen, nicht im Buch gefunden.

Lehrkraft: Ja, das Buch ist echt Mist. Aber in zwei Jahren bekommen wir ein Besseres.

Tochter: 😡😳❓❓❓

Ich: Ehem, was hilft das denn dieses Jahr?

Lehrkraft: Ja, dann musst du das halt googeln.

Tochter: Das habe ich versucht. Da finde ich dann so komplizierte wissenschaftliche Erklärungen, dass ich die nicht verstehe. Können Sie mir eine Seite empfehlen, auf der ich nachgucken kann?

Lehrkraft: Nein. Ich gucke da immer in mein Lehrerportal. Das ist aber für Schüler nicht zugänglich.

Tochter: Ach, da hatten Sie den Film aus der letzten Stunde her? Können wir den noch mal nachgucken? Der war ganz gut.

Lehrkraft: Nein, das geht nicht. Da hättet ihr mitschreiben müssen. Bei mir müsst ihr alles mitschreiben.

Tochter: Das ist unmöglich, so ein Film ist zu schnell, um alles mitzuschreiben. Das schaffen wir alle nicht.

Lehrkraft: Dann hilft wohl nur noch Nachhilfe!

Nota bene: Dies ist eine wahre Geschichte. Ich habe meiner Tochter einen Nachhilfelehrer bestellt. Ohne ging es nicht. Der kam übrigens ohne Internet aus.

Kleine Geschichte (2):

Gespräch mit der Lehrkraft Mathematik. Die Tochter war mehrere Wochen krank und hatte Schwierigkeiten, den verpassten Stoff nachzuarbeiten.

Tochter: Ich habe die meisten Arbeitsblätter nicht, die Sie in der Zeit herausgegeben haben.

Lehrkraft: Ja, das musst du dir selbst organisieren. Da musst du eine Freundin bitten, dir alles mitzubringen. 

Tochter: Habe ich ja, aber das hat nicht so gut geklappt. Könnte ich nicht Kopien von Ihnen bekommen?

Ich: Vielleicht wäre es möglich, die Unterrichtsmaterialien in einer Drop Box abzulegen? Das machen Kolleginnen von Ihnen auch.

Lehrkraft: Nein, das kann ich unmöglich auch noch schaffen. Außerdem gibt es da doch so eine WhatsApp Oberstufengruppe. Da kann man doch auch Arbeitsblätter rumschicken.

Tochter: Ja, das machen wir ja auch. Aber meist ist nur ein Teil des Blattes dann gut zu lesen. Das ist blöd bei Mathearbeitsblättern.

Lehrkraft: Das ist euer Problem.

Nota bene: Auch dies ist eine wahre Geschichte. WhatsApp ist erst ab 16 erlaubt, zu benutzen. Tochter war grade 15 zu dem Zeitpunkt. 

Ich finde es ehrlich schockierend, dass Schule sich das Leben so einfach macht ohne die rechtlichen Rahmenbedingungen des eigenen Handels zu reflektieren.

Handys in der Schule sind eh ein schwieriges Thema. Mal verboten, mal erlaubt. Manchmal werden Schülern Handys immer noch abgenommen. Aber zur persönlichen Arbeitserleichterung sind sie einzelnen Lehrkräften dann doch sehr willkommen.

Kleine Geschichte (3):

Eine Mathematiklehrkraft in der Oberstufe, Qualifikationsphase für das Abitur lässt ihren Grundkurs wissen, dass sie sich durch die Umsetzung eines neuen Unterrichtskonzeptes in den anderen Jahrgangsstufen sehr gebunden fühle. Zudem könne sie nicht so gut erklären. Die Schüler mögen sich den Unterrichtsstoff doch bitte mittels kleiner Videos auf YouTube selbst aneignen. 

Nota bene: Diese Geschichte ist unglaublich, aber offenbar wahr. Ich habe sie nicht selbst erlebt. Sie ist mir aber in der Stufenpflegschaft bestätigt worden. Fassungslosigkeit!!!

Sehr oft passiert es auch, dass die Schüler beim googeln der Unterrichtsinhalte auf die Quellen der Lehrkräfte stoßen und feststellen, dass sogar die Aufgabenstellungen nur kopiert sind. 

Das erklärt dann manches Mal, warum die Aufgaben und Tests schlicht nicht zum Unterrichtsinhalt passen. Oft kommen darin Aufgabenteile vor, die gar nicht Bestandteil des Unterrichts waren.

Ich finde es erschreckend, dass die ganze Onlinewelt so gedankenlos und einseitig zur Arbeitserleichterung der Lehrkräfte eingesetzt wird. Für die Schüler ist es in der Regel eher eine Erschwernis, damit Untrrichtsstoff  aufzuarbeiten. Es wird auch nicht systematisch geübt oder gar gelehrt, wie man Google und Co. sinnvoll einsetzen kann. Kann man bestimmt. Aber auch das wird dem Selbststudium überlassen.

Und inzwischen frage ich mich, was wohl in dieser ganz normalen Lehranstalt passieren würde, wenn man mal versuchen würde, zu unterrichten, wie vor 30 Jahren?

Ich glaube, das wäre ein heilsames Erlebnis. Und vielleicht wäre es auch sinnvoll, das mal auszuprobieren. Es könnte ja sein, dass nicht für immer und ewig und überall ein Smartphone zur Hand ist…🤔